Schlimmer als Kyrill: Unser Wald ist ernsthaft bedroht

Am 12.04.2019 trafen sich die Waldbesitzer Brandenburgs um zu diskutieren, wie angesichts der katastrophalen Lage der Wald gerettet werden kann. Im Zuge der Klimakatastrophe geht es nicht mehr um Naturnähe oder bestimmte Baumarten sondern um das bloße Vorhandensein von Wald.

Der Waldbesitzerverband Brandenburg wird diesen Herausforderungen deutlich geschlossener entgegentreten: Für Ende des Jahres ist die Aufnahme des Waldbauernverbandes in den Waldbesitzerverband Brandenburg vereinbart, um das Nebeneinander zweier Verbände für denselben Wald zu beenden. „Ein Verband für denselben Wald kann mehr ausrichten“ freut sich Thomas Weber, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes über den längst überfälligen Schritt zu „mehr Geschlossenheit für die gemeinsame Sache: Unseren Wald.“ Immer mehr Kommunen wollen dem Waldbesitzerverband beitreten, zuletzt die Stadt Nauen.

Der deutsche Wald gehört seinen Bürgern. Überwiegend ist er in der Hand von rund zwei Millionen Menschen, die alle nicht davon leben können, weil ihre Waldstücke zu klein sind. Bundesweit ist Hans Georg von der Marwitz neuer Präsident der Waldbesitzerverbände. In seinen Kindertagen hatte seine Familie sieben Hektar Wald, die maximal eine Sparkassenfunktion haben können. Heute zeichnet er vor Wissenschaftlern, Politikern und Forstexperten ein katastrophales Lagebild: Stürme, Hitze, Trockenheit, Borkenkäfer und Pilzkrankheiten haben schon viele Wälder geschädigt oder gar zerstört. Den Orkan Kyrill haben viele Menschen in Erinnerung. Er hat in den deutschen Wäldern aber nur 60 Millionen Kubikmeter Holz geworfen. „Nach „Friederike“ und weiteren Stürmen und der Trockenkatastrophe liegen wir heute schon bei 73 Millionen Kubikmeter und ein Ende ist nicht in Sicht“, sagt Marwitz. Der Wald ist überwiegend im Eigentum der Bürgerinnen und Bürger und fast niemand kann davon wirklich leben. Die Kleinprivatwaldbesitzer sind mit der Rettung des Waldes überfordert.

 

Die riesigen Holzmengen müssen aus den Wäldern entfernt werden, um weitere Schäden zu verhindern. Zudem ist Rundholz eine verderbliche Ware und die Sägewerke können es nicht mehr lange für hochwertige Produkte verwenden. Schadensbeseitigung und Logistik überfordern die Forstverwaltungen, Waldbesitzer und die Holzindustrie in Deutschland. Die Waldeigentümer wollen aber nicht einfach Dürrehilfen oder Subventionen sondern fordern die Mitarbeit der Politik an intelligenten Lösungen: Steuererleichterungen für unerwartete Holzverkäufe nach dem Forstschädenausgleichsgesetz sollen ein erster Schritt sein aber einige Bundesländer tun sich noch schwer damit.

Cajus Caesar, neuer Waldbeauftragter der Bundesregierung, vervollständigt das Lagebild und fordert einfache und unbürokratische Unterstützung für Waldeigentümer damit sie mit ihren Wäldern die vielfältigen Leistungen für die Gesellschaft weiter erbringen können, vor allem, wenn die Vermarktung von Holz als einzige Einnahmequelle ausfällt. Leistungen wie Luftreinhaltung und Trinkwasserfilterung sind vor allem in Zeiten des Klimawandels kritisch und systemrelevant. Caesar fordert Bürokratieabbau bei den Förderinstrumenten, damit der Antrag auf Unterstützung für die vielen Waldeigentümer mit kleinen Flächen auch verständlich ist.

Brandenburg ist geprägt von der Baumart Kiefer. Die ist anspruchslos, trockenresistent und stabil, haben auch viele Forstfachleute immer geglaubt. Aber gegen den Klimawandel kann keine Baumart allein bestehen. Dr. Katrin Möller vom Landeskompetenzzentrum Forst berichtet über absterbende Kiefernwälder und empfiehlt, die Mischung mit anderen Baumarten stärker voranzutreiben und die Mischungsanteile zu erhöhen. Das ist nur mit hohem finanziellen Aufwand möglich. Die Waldbesitzer weisen darauf hin, dass angepasste Wildbestände dafür eine wichtige Voraussetzung sind. „Wenn die Gesellschaft die Existenz des Waldes für nachfolgende Generationen nicht gefährden will, muss bei Massenvermehrungen von Schadinsekten als letztes Mittel auch ein gezielter Pestizideinsatz möglich bleiben“, empfiehlt Dr. Möller.

Für Professor Ralf Kätzel ist der Klimawandel im Wald deutlich nachweisbar, etwa an der Entwicklung der Jahrringe und am Austriebsverhalten. Extreme Jahre wie 2018 wirken sich sehr negativ aus. Nicht nur der Holzzuwachs wird dann geringer. Ganze Wälder können absterben: „Ich denke, die Sorgen der Waldbesitzer sind absolut berechtigt, weil wir natürlich im Moment nicht wissen, welche Baumarten extreme Änderungen des Klimas überstehen“, so Kätzel in seinem Vortrag. Eine höhere Vielfalt der Baumarten wirkt dabei wie eine Versicherung für den Wald.

Thomas Weber weist anlässlich der Mitgliederversammlung des WBV Brandenburg auf weitere Herausforderungen hin: Die Holzpreise sind weit unter einem auskömmlichen Niveau und kein Ende ist in Sicht. Die vielen Waldeigentümer leiden unter enorm hohen Kosten für Wasserverbände und weitere Gebühren und Abgaben. Auch bei der Waldbrandvorsorge und Entsorgung von illegalem Müll sind in Brandenburg noch viele Fragen offen. Auch der präventive Waldbrandschutz mit Löschwasserstellen und Waldbrandschutzstreifen ist durch die schwierige Personalausstattung im Landesforstbetrieb oft nicht genügend.

CDU-Chef Ingo Senftleben sagt mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen zu, dass die CDU sich für eine bessere Ausstattung mit forstlichem Fachpersonal einsetzen wird.

Als großer Erfolg des Waldbesitzerverbandes gilt kürzlich umgesetzte Vorschlag, auch in Brandenburg Waldpflegeverträge zu fördern. Damit kann wird eine fundierte fachliche Beratung von Waldbesitzerinnen durch Forstbetriebsgemeinschaften für beide Seiten wirtschaftlich tragfähig.

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung zeigte Stadförster Matthes Krüger die Folgen mehrerer Stürme im Eberswalder Wald.

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